Ein Aufruf zur kritischen Methodenreflektion in der Online-Forschung – Fazit der #GOR14

DachwellenUm es vorweg zu nehmen – eigentlich bin ich großer Fan quantitativer Methodik. Aber das schließt ja eine kritische Reflektion des Methodenparadigmas und der damit verbundenen Denkschule nicht aus. Mein Besuch auf der General Online Research Konferenz 2014 (#GOR14) in Köln hat mich dazu inspiriert, darüber noch einmal gezielt nachzudenken.

Einige sehr gute Vorträge haben gezeigt, was mit quantitativen Methoden alles möglich ist, allen voran die Präsentation von Stützer „Distribution of Information and Knowledge in Collaborative Learning Systems“ (Hier gibt es die deutschsprachige Version der Dissertation). Den zur Verfügung stehenden „Big Data“ hat sich die Forscherin mit Netzwerkanalyseverfahren genähert und über Extraktion ein zentrales Netzwerk mit unterschiedlichen Kommunikationsrollen (Alpha Dog bis Sightseeer) identifiziert. Zu Recht wurde ihre Doktorarbeit dazu mit dem GOR Thesis  Award ausgezeichnet – Glückwunsch! Spannend würde ich es finden, hier auch qualitativ weiter zu forschen, z.B. indem man mit Vertretern der einzelnen Typen spricht und ihre Wahrnehmung mit den quantitativen Daten spiegelt.

Ansprechend fand ich auch die Studie von Forgeau zum Thema „How to reach and analyze the intimacy featured on the Web“, die sich mit Clustern von Blogs zu den Themen Abtreibung, Verhütung und Myoma auseinandersetzt. Ethnographisch wurden diese untersucht und v.a. das Problem der Filter-Bubble und der der Datenflut (noise) als schwierig identifiziert. Das kommt natürlich vor dem Hintergrund quantitativer Forschung im Online-Bereich oft zum Tragen und technische Spielerein werden erfunden, um damit umzugehen. Insbesondere bei derart heiklen Themen bieten sich meiner Meinung nach aber qualitative Vorgehensweisen an, um dem Thema und den Studienteilnehmern mehr Raum zu geben. Um die Autoren der Studie zu zitieren, wird allzu häufig bei quantitativer Forschung im Web vergessen, dass es sich bei den Daten nicht nur um Tweets o.Ä. handelt, sondern dahinter auch Personen stecken.

Beeindruckende quantitative Daten präsentierte auch Blank als Antwort auf die Frage „Who uses Twitter?“ und verglich dabei den Oxford Internet Survey mit US Daten von Pew Research. Relativ genau ließen sich auf diese Weise die Twitter User beschreiben, z.B. hinsichtlich Interessen und Soziodemographie. Allerdings hätte da die Auswertung noch etwas weiter gehen können. Fragen wie: Was bedeutet das? Was lässt sich daraus schlussfolgern? In welchem Kontext können diese Erkenntnisse verwendet werden? blieben auch aufgrund der Zeitbeschränkung im Raum stehen. Zumindest aber wurde geschlussfolgert, dass Twitter-Daten weder für Internetnutzer geschweige denn für die Gesamtbevölkerung repräsentativ sind. Das wird in der quantitativen Forschung mit den relativ leicht zugänglichen Online-Daten oft vernachlässigt.

Meine methodischen Grübeleien wurden in der Keynote am Freitag zum Thema „Social Media and Surveys: Collaboration, not Competition“ abgerundet. Kritisch schaute Mick P. Couper von der University of Michigan auf einige aktuelle Forschungsarbeiten im Online-Bereich und ihren z.T. unreflektierten Umgang mit Daten. Die einfach und schnell zur Verfügung stehenden Daten werden dabei allzu oft verwendet und Grafiken mit nur geringem Aussagewert produziert anstatt auch auf Limitationen einzugehen und die Ergebnisse in einen angemessenen Kontext einzuordnen. Er schlägt deswegen Methodentriangulation vor und kein zu starkes Versteifen auf entweder quantitative oder qualitative Paradigmen.

Das alles ist natürlich immer viel leichter gesagt als getan und unterliegt in der Praxis großen Zeit- und Budgetbegrenzungen. Dennoch nehme ich von der #GOR14 den Aufruf zur kritischen Analyse von Forschungsprojekten mit und die Motivation, nicht mit methodischen Kanonen auf inhaltliche Spatzen zu schießen.

 

Über Anne Linke

Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft mit Schwerpunkt Kommunikationsmanagement/PR und Soziologie an der Universität Leipzig und der Universitat de Valencia, Spanien. Praktika und freie Mitarbeit in den Bereichen Public Relations, Controlling, Strategisches Management und Unternehmenskommunikation. Seit April 2010 Inhaberin des Promotionsstipendiums der Fink & Fuchs Public Relations AG. Promotion zum Kommunikationsmanagement in Zeiten von Social Media. Wissenschaftliche Interessengebiete: Online-PR, Social Media, Kommunikationsmanagement, Innovationskommunikation
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